Zur Geschichte der Volkshochschule im Altenburger Land
Die Idee der Volkshochschule
Der dänische Historiker und Theologe Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783–1872) gilt als Begründer der Volkshochschulbewegung. 1844 eröffnet er in Rødding in Nordschleswig die erste europäische Heimvolkshochschule („Folkehøjskole“). Grundtvig hat nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der Volkshochschulen in Deutschland. Die Arbeit der Arbeiter- und Handwerker-Bildungsvereine, die Universitätsausdehnungsbewegung und das öffentliche Vortragswesen sind weitere Vorläufer der Volkshochschulen.
Als erste Abendvolkshochschule gilt die privat organisierte „Humboldt-Akademie“ in Berlin, die ab 1878 in Vortragszyklen wissenschaftliche Ergebnisse einem nicht akademisch gebildeten Publikum zu vermitteln suchte. Aus der Humboldt-Akademie ging 1915 die „Volkshochschule Groß-Berlin“ hervor.
Den größten Schub erhält die Volkshochschulbewegung in Deutschland mit der Gründung der Weimarer Republik 1919, die die staatliche Förderung von Volkshochschulen sogar in ihrer Verfassung festschreibt (Art. 148 Abs. 4).
Die Gründung von Volkshochschulen im Altenburger Land 1919/20
Am 25. Februar 1919 wird der Verband „Volkshochschule Thüringen“ in Jena gegründet. Überall im Land sollen Volkshochschulen geschaffen werden. Im Spätsommer 1919 bilden sich in zahlreichen Orten des Altenburger Landes Arbeitsausschüsse, um die Gründung von Volkshochschulen vorzubereiten.
Als erste Einrichtung nimmt am 17. Oktober 1919 die Volkshochschule Schmölln ihre Arbeit auf. Erster Leiter ist Rudolf Seyfarth. Den Eröffnungsvortrag hält die Pädagogin und Politikerin Marie Schulz aus Gera zum Thema „Goethes Faust im Lichte unserer Zeit“. Während der folgenden Jahre führt die Volkshochschule Schmölln fortlaufende, acht- bis zehnwöchige Vortragsreihen durch und bietet verschiedene Arbeitsgemeinschaften an.



Die ersten Arbeitspläne der Volkshochschulen Schmölln, Altenburg und Meuselwitz aus dem Jahr 1919. Bild: Landesarchiv Thüringen – Staatsarchiv Altenburg.
Der feierlichen Eröffnungsveranstaltung der Volkshochschule Altenburg am 2. November 1919 in der Aula des Karolinums wohnen mehr als 500 Bürger bei. Die erste Geschäftsstelle der Volkshochschule Altenburg öffnet in der Brüdergasse 6. Über 1.000 Erwachsene schreiben sich im ersten Trimester in die Lehrgänge ein, die in der Fortbildungsschule (altes Karolinum) und im neuen Karolinum stattfinden. Den Hörern werden Vorträge und Arbeitsgemeinschaften zu Themen wie Philosophie, Religion, Geschichte, Geologie, Verfassungslehre, Volkswirtschaftslehre, Gesundheitslehre, Sprachen und Naturwissenschaften angeboten.
Die Volkshochschule Meuselwitz wird schließlich am 15. November 1919 feierlich eröffnet. Weitere Volkshochschulen entstehen 1920 in Gößnitz, Lucka und Nobitz. Der Boom der Anfangsjahre wird zunehmend gedämpft durch wechselnde politische Konstellationen, Arbeitslosigkeit, Inflation und Krise. Im Laufe der 1920er Jahre müssen die Volkshochschulen im Altenburger Land daher ihre Angebote stark einschränken oder ihre Tätigkeit sogar vollständig einstellen.
Die Zerstörung der Volkshochschulen im Nationalsozialismus
Bereits 1930/31 gründen Anhänger der völkischen Bewegung in Altenburg und Schmölln sogenannte „Deutsche Heimatschulen“. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wird das Volkshochschulwesen zentralisiert und als „Deutsches Volksbildungswerk“ der NSDAP unterstellt. Im September 1933 stellt der Verband „Volkshochschule Thüringen“ seine Tätigkeit ein. In Altenburg entsteht mit Hilfe des Deutschen Volksbildungswerkes 1942 zudem eine sogenannte Volksbildungsstätte, die der Bevölkerung nationalsozialistisches Gedankengut näherbringen soll.
Die Neugründung der Volkshochschulen 1945/46
Nach dem 2. Weltkrieg wird die Volkshochschule Altenburg am 14. November 1945 wird unter Leitung von Dr. Karl Voss neu gegründet. Altenburg hat damit die erste neue Volkshochschule in Thüringen, noch bevor im Januar 1946 die Sowjetische Militärverwaltung den Befehl Nr. 22 erlässt, der die Neugründung von Volkshochschulen ermöglicht. Im ersten Trimester 1945 schreiben sich 1.117 Hörer in die Vorlesungen und Kurse ein. Das Angebot der Volkshochschule ist anfangs in zwei Bereiche gegliedert:
- „Lebensertüchtigung“: Deutsch, Englisch, Russisch, Französisch, Spanisch, Naturwissenschaften, Recht, medizinische Fragen, Handelswissenschaften, Hauswirtschaft
- „Lebenserhöhung“: Vorlesungen zu Kunst, Musik, Literatur, Geschichte

Ab Januar 1947 sind Vorstudienkurse zur Erlangung des Abiturs im Angebot. Für Neulehrer werden Fortbildungsveranstaltungen durchgeführt. Im Oktober 1948 wird die Lindenau-Museumsschule wiedereröffnet, organisatorisch und verwaltungstechnisch an die Volkshochschule angeschlossen. Am 24. Januar 1949 öffnet die Volks-Musikschule in Altenburg als erste ihrer Art in Thüringen. Im April 1950 wird Karl Voss im Zusammenhang mit der Bildung der Widerstandsgruppe um Siegfried Flack am Friedrichgymnasium unter verleumderischen Vorwürfen aus dem Schuldienst entlassen, verliert seine Stelle als Stadtrat und als Leiter der Volkshochschule.
Die Volkshochschule Schmölln wird am 4. Februar 1946 als städtische Einrichtung neu gegründet. Erster Leiter ist Pfarrer Alfred Wolf. Die Bildungsangebote der der Volkshochschule Schmölln werden in den Nachkriegsjahren ebenfalls sehr stark nachgefragt. Im Sommer 1950 werden die Volkshochschulen dem Kreis Altenburg unterstellt und die Schmöllner Einrichtung wird eine Außenstelle der neuen Kreisvolkshochschule. Im Zuge der Verwaltungsreform der DDR wird die Schmöllner Außenstellen am 3. Februar 1953 in eine eigenständige Kreisvolkshochschule umgewandelt. Die Volks-Musikschule (1954) und die Lindenau-Zeichenschule (1963) werden organisatorisch von der Volkshochschule abgetrennt.
Die Volkshochschulen im Bildungswesen der DDR

In Folge der Gründung der DDR kommt es zu Änderungen im Bildungskonzept: Die Volkshochschule ist aufgefordert, ihre Arbeit mit der Arbeit der Betriebe, der Maschinen-Traktoren-Stationen und der gesellschaftlichen Organisationen zu verbinden. Als „Abendoberschule für die Werktätigen“ besteht die Hauptaufgabe im Nachholen von Schulabschlüssen, insbesondere des auf dem ersten Bildungsweg nur sehr begrenzt erreichbaren Abiturs. Erst ab den 1970er Jahren werden wieder zunehmend allgemeinbildende Kurse in Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Kunst und Kultur angeboten.
In den Kreisen Altenburg und Schmölln werden in den 1950er Jahren Außenstellen angesiedelt (zum Beispiel in Dobitsche, Gößnitz, Großstöbnitz, Lucka, Meuselwitz und Posa), die aber oft nur kurze Zeit arbeiten. Sogenannte Komplexlehrgänge zum Abschluss der 8. und 10. Klassen bilden einen Schwerpunkt der Arbeit. Ab 1962 finden eine Vielzahl von Qualifizierungsmaßnahmen auf beruflichem Gebiet für volkseigene Betriebe, Genossenschaften und Staatsorgane statt. Abiturvorbereitungslehrgänge werden verstärkt angeboten. Maschineschreiben und Stenographie sind viel gefragt. Weitere Lehrgänge werden beispielsweise für Sekretärinnen, Industriekaufleute, Kraftfahrer oder Heizer durchgeführt.
Neuorientierung und Fusion ab 1990
Nach der Friedlichen Revolution in der DDR und der sich abzeichnenden Neubildung der Länder werden beide Volkshochschulen im Frühjahr 1990 zunächst Mitglieder des Sächsischen Volkshochschulverbandes und wechseln im Herbst des Jahres in den Thüringer Verband. Seit 1992 ist das Thüringer Erwachsenenbildungsgesetzt die rechtliche Grundlage der Arbeit. Das Bildungsangebot wird neu gegliedert und nach nachfrageorientierten Strukturen entwickelt. Im Angebot sind viele Kurse zu Rechts-, Steuer- und Versicherungsfragen, Existenzgründung, Buchführung und Computerkenntnissen.
1997 fusionieren die Volkshochschulen Altenburg und Schmölln zur Volkshochschule Altenburger Land. 2002 erfolgt der Umzug der Geschäftsstelle Altenburg in das alte Friedrichsgymnasium (später Neubauerschule und Friedrichgymnasium Haus II) am Hospitalplatz 6. Die Geschäftsstelle Schmölln zieht 2005 in die frisch sanierte, ehemalige „Pfeifersche Schuhfabrik“ in die Karl-Liebknecht-Straße 2/4.
Im Jahr 2019 feiert die Volkshochschule Altenburger Land gemeinsam mit den Volkshochschulen in ganz Deutschland ihren 100. Geburtstag.